Der Schulstart – zwischen Kreidestaub und Krisenmomenten

(c)anandaBGD_via_canva Lehrerin zwischen vier SchülerInnen mit verzweifeltem Blick

Wie wäre es mit einer Schultüte voller Ressourcen?

Der erste Schultag ist für viele ein besonderer Tag. Für Kinder und Jugendliche bedeutet er den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, oft begleitet von einer Schultüte, vollgefüllt mit kleinen Überraschungen, die den Übergang versüßen und die Motivation steigern sollen.

JunglehrerInnen starten nach dem Studium in den Lehrberuf, voller Motivation und mit einem Rucksack aus Ideen, Strategien und pädagogischen Lehrmethoden. Man hat gelernt, Lernziele zu formulieren, zu differenzieren und Unterrichtseinheiten zu planen. Der Duft frisch gespitzter Stifte und neu gedruckter Bücher, das Rascheln neuer Hefte, die vielen bunten Hefteinbände, sowie die unberührten Seiten im LehrerInnenplaner, all das hat seinen eigenen Zauber. Für Außenstehende wirkt der Schulbeginn vielleicht wie ein einfacher Startschuss in ein neues Jahr. Man geht ins Klassenzimmer, unterrichtet und am Nachmittag ist man wieder zuhause.

Die Realität ist umfassender. Der Start ins LehrerInnenleben ist oft ein Sprung ins kalte Wasser. Plötzlich gibt es keine wohlwollende Praxislehrerin mehr, die Feedback gibt und von deren Begeisterung man sich anstecken lässt. Stattdessen stehen da 25 aktive, oft laute, fordernde SchülerInnen, jede/r mit einer eigenen Geschichte, eigenem Temperament und sehr individuellen Bedürfnissen.

Es gibt Tage, an denen man die Anspannung im gesamten Körper verspürt. Hochgezogene Schultern, ein starker Druck im Nacken und im Kopf 1000 Gedanken. Die Stundenvorbereitung liegt auf den LehrerInnentisch, doch die Klasse fordert ihr eigenes Programm. Statt „Lernziel erreicht" fühlt es sich eher nach „Nerven am Limit" an. Wenn dann noch eine Nachricht der Schulleitung mit dem Betreff „Dringend" eintrifft oder ein Elternteil wütend vor dem Konferenzzimmer steht, kann der Gedanke „Vielleicht habe ich den falschen Beruf gewählt" zur Dauerschleife werden.

Dieser Gedanke und das dabei entstandene unwohle Gefühl ist kein Zeichen von Schwäche, sondern oft ein körperliches Wahnsignal, dass man die zunehmende Überforderung wahrnimmt. Der LehrerInnenberuf fordert Fachwissen, pädagogisches Fingerspitzengefühl, Organisationstalent, Kommunikationsfähigkeit und sehr viel Geduld. Keiner kann das vom ersten Tag an perfekt umsetzen.

Der Gedanke „Vielleicht habe ich den falschen Beruf gewählt" ist manchmal nur eine vorübergehende Phase. Manchmal steckt jedoch eine tiefe Unzufriedenheit dahinter, vielleicht sogar die Scham, so lange studiert zu haben und nun das Gefühl zu haben, zu versagen.

Was wäre, wenn es auch für JunglehrerInnen eine „Schultüte" gäbe? In der sich jedoch keine Süßigkeiten und Buntstifte befinden, sondern viele wertvolle Ressourcen, die helfen, die ersten Schritte im Beruf gut zu meistern?

Auch die psychosoziale Beratung wäre in diese Schultüte gepackt. Sie bietet einen geschützten Raum, um offen über Zweifel, Überforderung und Konflikte zu sprechen, ohne Angst vor Bewertung oder Konsequenzen. Hier darf ausgesprochen werden, was im Lehrerzimmer oft keinen Platz findet: Frust, Unsicherheit, das Gefühl, nicht zu genügen.

Da andere KollegInnen, darunter nicht nur JunglehrerInnen, ähnliche Herausforderungen haben, wären Supervisionsgruppen hilfreich, hier profitiert man von unterschiedlichen Sichtweisen und Lösungsstrategien, lernt Belastendes zu reflektieren und Ressourcen zu aktivieren.

Dieser Austausch ist ein Instrument, um langfristig im Beruf gesund zu bleiben und den Blick auf das zu richten, was diesen Beruf so wertvoll macht.

Ich packe in die Schultüte für JunglehrerInnen:

  • Zeitmanagement: für realistische Stundenplanung und Korrekturzeiten
  • Kommunikationsstrategien: für schwierige Elterngespräche und klare Absprachen im Kollegium
  • Classroom Management: für konzentrierteres Arbeiten und besseres Sozialverhalten
  • Selbstfürsorge: kleine Alltagsrituale, die Kraft geben
  • Reflexionsmethode: um Erlebnisse zu verarbeiten und daraus zu lernen
  • Mentoring und Supervision – als sicherer Ort für offene Gespräche über Herausforderungen
  • Ermutigung:damit du spürst, dass dein Einsatz zählt, und die Gewissheit wächst, dass du auf dem richtigen Weg bist

Der Start ins LehrerInnenleben ist wie der erste Schultag, voller Vorfreude und großen Erwartungen, aber auch von Unsicherheiten begleitet. Der Schulalltag bringt schnell Herausforderungen, die im Studium kaum erwähnt und nie geübt wurden.

Zwischen Kreidestaub, Pausenlärm, Schularbeiten, Elternsprechtagen und Bürokratie liegt jedoch auch etwas anderes: die Chance, jeden Tag einen Unterschied im Leben junger Menschen zu machen. Eine „Schultüte", gefüllt mit professioneller Unterstützung, praktischen Methoden und ermutigenden Impulsen, kann helfen, diesen Weg leichter und erfüllender zu gestalten.

„Achte auf dich selbst, damit du für andere sorgen kannst." Dalai Lama


Autorin: Bettina Seywald, BEd., MA, MA. Als psychosoziale Beraterin (i.A.u.S) und erfahrene Lehrerin begleite ich JunglehrerInnen in dieser herausfordernden Startphase, individuell in Einzelberatungen oder im Rahmen von Supervisionsgruppen. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, die dich im Schulalltag entlasten, dein Selbstvertrauen stärken und dir helfen, deinen Beruf mit Freude und Klarheit auszuüben.

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Credit Titelbild: ranplett 

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Freitag, 29. August 2025

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